Vier Tage auf der Teufelsinsel

Oder: Wie ich auf den San Blas fast zur Inselkönigin wurde.

Schon lange wollte ich mal auf die San Blas Inseln. Genau gesagt seit ich das erste Mal „En el muelle de San Blas“ von Maná hörte und mich der Lied-Protagonistin, die am Pier von San Blas aufs Meer starrt und mit ihm verwächst, so nahe fühlte. Dass der Song wahrscheinlich gar nicht um Panamas San Blas Inseln geht, ist dabei nebensächlich.

Von Ozean zu Ozean durch Panama

Es ist nicht leicht, die San Blas Inseln zu erreichen. Nicht nur, weil sie vor der Karibikküste Panamas, der Hauptstadt schräg rechts gegenüber, hinter dichtem Dschungel liegen. Durch diesen Dschungel führt mittlerweile eine Straße, die nichts für schwache Mägen ist und auch nichts für abgewrackte Jeeps, die bei einer 70%-Steigung schlappmachen. Außerdem sind die San Blas Inseln autonomes Gebiet und gehören den Kuna, einer indianischen Minderheit, die man sich wie echt taffe Bayern von Panama vorstellen kann. Nur, dass sie nicht bloß einen komischen Dialekt, sondern tatsächlich ihre eigene Sprache sprechen.

Wer so schöne Inseln mit weißem Sand, Kokosnusspalmen und ganz viel türkisfarbenem Wasser rundherum besitzt, stößt natürlich schnell auf jemanden, der ihm diesen Schatz wegnehmen will. Zum Beispiel die Zentralregierung Panamas, welche die Kuna in blutigen Kämpfen unterwerfen wollte. Die sturen Indios schafften es, sich bis zur sogenannten Dule-Revolution 1925 zu widersetzen. Daraufhin schloss man 1930 einen politischen Pakt, und Jahrzehnte später wurde den Kuna endlich das semiautonome Gebiet Kuna Yala zugestanden. Die Regierung versprach, die Kuna-Traditionen zu schützen, woraufhin die Indios auf den Inseln ein offizielles Schulsystem etablieren ließen. Neben Kuna hört man auch den Namen Guna, wobei ‚Guna Yala‘ so viel wie ‚Guna Berg‘ bedeutet.

Ich bin absolut kein Fan von Package-Touren – schon das Wort löst bei mir Assoziationen mit durchgetakteten Sightseeing- und Foto- und Pinkelstopps aus. Doch wer auf die Kuna-Inseln will, ist mit dem Package von einem der zig Anbieter in Panama Stadt gut bedient. Mit Pick-up im Jeep in der Hauptstadt, Dschungelride, Boot zu einer Insel, Übernachtungen in einer einfachen Hütte mit Draußenklo, drei Mahlzeiten pro Tag und jeden Tag Ausflügen zu anderen Inseln. Danach wird man mit ein wenig Glück – oder Pech – auch wieder abgeholt. Und zwischendurch bleibt mehr als genug Zeit zum Nichtstun, Baden oder zum Plauschen mit anderen Robinson Crusoes, denn Wifi ist Fehlanzeige, und auch sonst gibt es außer von Palmen auf den Kopf purzelnden Kokosnüssen wenig Action.

Die Idee eines totalen digitalen Detox und absoluter Abgeschiedenheit fasziniert mich. Ich buche vier Tage, drei Nächte, für 300 Euro. Will man allein zu den San Blas aufbrechen, findet man auch Unterkünfte, doch um den Transport an Land muss man sich oft alleine kümmern und auch für Touren zu weiteren der 365 Inselchen, von denen nur 49 bewohnt sind, ordentlich draufzahlen.

Die Jeep-Fahrt ab Panama Stadt soll eigentlich um fünf Uhr in der Früh losgehen, startet aber panamaisch-pünktlich, also gegen sechs. Es folgt ein letzter Supermarkt-Stopp (O-Ton des Fahrers: „Auf den Inseln gibt es gar nichts, jetzt müsst ihr euch noch mal eindecken!“), dann die berüchtigte Dschungel-Fahrt, bei der vielen Reisenden eindeutig die Kotztüte im Fach vor dem Sitz fehlt. Noch stärker als unangenehme Gerüche kursieren im Wagen Gerüchte über die paradiesischen San Blas Inseln: schreckliche Hygiene. Manch einer komme mit hohem Fieber zurück. Das Essen sei drei Mal täglich trockener Fisch und Reis. Und die Kuna seien sowas von unfreundlich.

Der Fahrer geht mitten im Wald in die Eisen – Grenzkontrolle. Vor dem Fenster steht ein Grenzposten mit einer Flagge, auf deren gelber Mitte ein Swastika prangt. Entsetzte As und Os ertönen. Ich habe zufällig darüber gelesen. Nein, die Kuna sind keine Hitler-Verehrer. Es soll sich um einen symbolisierten Oktopus handeln, der nach Kuna-Glauben die Welt erschuf. Dabei ist diese Fahne, die von 1925 bis 2010 als Kuna-Nationalflagge galt, längst von einer neuen mit zwei gekreuzten Armen mit Pfeil und Bogen abgelöst worden, ein Symbol für die Dule-Revolution.

Aber am Grenzposten hatte man wohl noch keine Zeit, sie in den vergangenen Jahren auszuwechseln. Ein dunkelhäutiger Mann mit breitem Gesicht stiert in den Wagen. „Pasaporte!“ Wir gehorchen, die Pässe verschwinden. Und kommen zurück. Allgemeines Aufatmen. Danach dauert es nicht mehr lange und der Dschungel spuckt unseren Jeep am Hafen von Carti aus. Doch das karibische Meer liegt eher bräunlich trüb als postkartenblau vor uns. Ich steige aus und ergebe mich meinem Schicksal.

Raus zur Teufelsinsel

Noch immer weiß ich nicht, auf welcher Insel ich stranden werde. Das entscheiden die Kuna unter sich – Besucher werden fair auf all die Inseln verteilt, die über touristische Infrastruktur verfügen, damit alle etwas vom Geld der Bleichgesichter abbekommen. In Carti erwartet uns ein etwa 50-jähriger Kuna, der aussieht, als lebe er von Pizza und Hamburgern. Eulogio. Er und die Bootsführer sprechen sich schnell auf Kuna ab, und schon werden Koffer und Rucksäcke in ein Boot verfrachtet und wir ausgestattet mit Rettungsweste hinterher. Wir sollen auf die Isla Diablo kommen. Die Teufelsinsel. Endlich geht‘s los in Richtung Paradies. Stopp, doch nicht ganz! Wir halten schnurstracks auf eine Insel zu, die vor heruntergekommener Hütten mit Stroh- oder Wellblechdächern und Müllbergen aus allen Nähten platzt. Da gibt es nicht nur keinen Strand, sondern auch kein einziges Sandkorn. Mir wird ganz anders.

„Auf diese Insel würde nicht mal der Teufel persönlich einen Fuß setzen!“, kommentiert eine Touristin. Doch dann liefert einer der Bootsjungen nur etwas ab und weiter geht’s. Ich sehe Kinder, die unter einem Dach bunte Wäsche aufhängen, überlege, wie deren Leben aussieht. Dann trägt der Fahrtwind meine Gedanken raus aufs Meer.

Eulogio gibt sich wortkarg zum Ablauf des Tages, aus gutem Grund: Er hat noch nicht gefrühstückt, wohl niedrigen Blutzuckerstand. Je mehr der Hafen zu einer Linie am Horizont entschwindet, desto türkisfarbener wird das Wasser und desto größer die Anzahl an winzigen Palmeninseln mit weißen Sandstränden. Die meisten davon scheinen unbewohnt, nur ab und an zeigen sich Strohhütten auf einem Eiland. Nach einer guten halben Stunde drosselt der etwa Zwanzigjährige Bootsführer das Tempo vor einer kleinen Insel, die zwischen Palmen mehrere Hütten erkennen lässt.

„Bienvenido auf deiner Insel!“, begrüßt mich ein Kuna mit breiten Schultern, schrägen Zähnen und einem freundlichen Lächeln, der mir kaum bis zum Hals reicht. Er stellt sich als Daniel vor. Ein anderer schleppt meinen Rucksack zu einer Strohhütte mit der Nummer drei gegenüber dem Bootsanleger. ‚Niadub‘ ist in Grün darauf gepinselt. Innen steht auf dem Sandboden ein Holzbettgestell mit einer Matratze darauf, darüber ein Mückennetz und eine Plastikplane unter der Decke. Von der Außenwelt bin ich nur durch Bambusstäbe getrennt, die so viel Sichtbarkeit ins Innere gewähren wie eine transparente Bluse auf einen BH. Draußen lerne ich zwei Mädels kennen, die bereits seit einem Tag auf der Insel sind, Sabine aus der Schweiz und Linny aus Australien. Sie freuen sich über mich, den Neuzugang, denn außer ihnen beiden sei sonst kein Ausländer mehr auf der Insel. Kein Wunder – es ist Mitte Oktober und noch Regenzeit.

Dolce far niente

Mittlerweile hat Eulogio fertig gefrühstückt und ein erstes Grinsen zieht seine Lippen breit. „Kommt, ich mache eine super Tour für euch“, lockt er uns zurück ins Boot. Alles Gepäck, was wir brauchen, sind unsere Bikinis am Körper, ein Handtuch und sonstiger Strandkram. Trotz der Wolken am Himmel ist es schwülwarm und Meerwasser spritzt uns um die Ohren.

Isla Perro Chico ist unser erster Stopp, die Kleine-Hund-Insel. Kleine Hunde gibt es keine, dafür umso mehr Palmen, an denen Einheimische rauf und runter klettern, um Kokosnüsse zu pflücken.

Daneben besuchen wir Inselchen mit nur drei Palmen, zu denen man durchs seichte Wasser spazieren kann. Schon nach wenigen Stunden habe ich die Kontrolle verloren, wie viele San Blas Inseln ich bereits besucht habe.

Eulogio ist richtig gut drauf, lässt an jeder Sandbank halten, damit wir mitten im Meer schwimmen können. Ich stehe bis zu den Oberschenkeln inmitten des karibischen Meeres und glaube, ich träume. Da ist es auch kein Thema, dass das Mittagessen erst irgendwann am Nachmittag serviert wird, zurück auf meiner neuen Hausinsel. Der Fisch schmeckt, als wäre er vor ein paar Stündchen noch fröhlich im Meer herumgeschwommen, dazu gibt es Kokosreis, Kartoffeln und Salat.

Nach dem Essen tue ich das, was man auf so einer Insel eben tut: nichts. Die Inselerkundung ist in zwei Minuten abgeschlossen, denn hinter den restlichen Hütten und dem Dusch- und Toilettenhäuschen folgt nur noch ein winziger Palmenwald. Ich geselle mich zu ein paar Pelikanen im Wasser, liege am Strand, lese, döse. Plaudere mit einer jungen Frau, die in der typischen Kleidung aus selbstgemachten, blumenreichen Blusen und Röcken sowie mit Bändern umwickelten Unterarmen und Unterschenkeln in einer Hängematte näht. Nicht alle Kuna sprechen gut Spanisch, doch diese Frau kann es. Sie sei nur vorübergehend auf Isla Diablo, erzählt sie, denn meistens arbeite man nur sporadisch an einem Ort und rotiere dann. Sie hilft beim Aufräumen und fertigt die so typischen Molas an, eine Applikations-Stickerei, welche die Blusen der Frauen ziert und auch auf kleinen Taschen und anderen Souvenirartikeln zu finden ist.

Strom gibt es auf Isla Diablo erst ab 17 Uhr, wenn die Generatoren angeworfen werden. Dann darf man Daniel die Handys zum Aufladen neben der Küche bringen. Wenn sie schon keinen Empfang haben, taugen sie zumindest weiter zum Fotografieren. Zum Abendessen gegen 19 Uhr gesellt sich ein deutsches, soeben angekommenes Pärchen, das auf Weltreise ist, zu Sabine, Linny und mir. Trotz des frühen Abends sind alle müde, und aufkommender Wind sowie Blitze überm Meer kündigen eine unruhige Nacht an. Aus den Lautsprechern ertönt Bryan Adams und andere, Kuschelrock-artige, westliche Musik, dazu essen wir einen riesigen, ganzen Hummer.

Ich genieße den Moment, das Zusammensitzen mit Menschen, die ich gerade erst kennengelernt habe. Mit denen ich daheim nie an einem Tisch sitzen und wohl auch nie sprechen würde, weil man sich dort eben nicht einfach zu Fremden an den Tisch setzt. „Es gibt nicht einen einzigen Spiegel bei den Duschen“, ist eins der Themen, und die Mädels müssen überlegen, wann sie sich das zuletzt selbst gesehen haben. Mir ist’s wurscht. Was soll ich mit einem Spiegel auf einem Eiland, wo ich den ganzen Tag barfuß und in Bikini laufe, wo mein Haar von Meerwasser getränkt ist und die Haut vom Salz spannt?

Volle Bude

Mitten in der Nacht wache ich auf. Draußen kracht es, und Licht zuckt durch meine Hütte, als hätte jemand eine Diskolampe aufgestellt. Dann spüre ich die Tropfen. Langsam aber konstant tropft es auf meine nackten Beine und auf meinen Kopf. Was zum Teufel soll das nun bedeuten? Ich schalte meine Taschenlampe ein. Wasser perlt von der Plastikplane über mir, die den Kampf mit dem tropischen Gewitter verloren hat. Fluchend quäle ich mich hoch, will versuchen, das Bett fortzuziehen. Dabei schreckt der Schein meiner Taschenlampe einen Haufen Kakerlaken auf, von der Größe, die in Kambodscha gegrillt als Hauptmahlzeit reichen, und die sich gerade an meinem Gepäck zu schaffen machen. Auch das noch!

Ich strecke die Beine aus dem Bett – und sehe, wie zahlreiche Krebse in Löchern im Sand verschwinden, deren Anzahl sich seit meinem Zubettgehen verhundertfacht hat. Draußen kracht es wieder. Ich zerre am Bett, das sich keinen Millimeter fortbewegt. Scheißnacht! Ich gebe auf, versuche, das zusammengefaltete Mückennetz zu einem albernen Wasserschutz umzufunktionieren, doch der daraus aufsteigende Verwesungsgeruch lässt mich das Vorhaben aufgeben. Irgendwann bin ich so müde, dass ich trotz Nässe wieder einschlafe. Und erst wieder aufwache, als ich eine Bruchlandung auf dem Gesicht spüre. Verdammte Kakerlaken!

Eine andere Welt  

Beim Frühstück sieht keiner so zerknittert aus wie ich. Entweder, die anderen schlafen wie Bären, oder nur ich hatte ein undichtes Dacht und volles Haus. Aber nach einem Frühstück aus gebratenem Brot, Rührei und Obst und dazu serviertem Sonnenaufgang sieht die Welt schon wieder anders aus.

Mit nur einer knappen Stunde Verspätung braust Eulogio heran. Dieses Mal geht es nach Chichime, meine absolute Lieblingsinsel seit diesem Tag. Sie ist um einiges größer als die anderen, die ich bisher gesehen habe, mit einem schönen Spazierweg durch winzige Dörfer und Palmenwälder rund um die Insel und echt weißen Sandstränden. Im Meer tummeln sich die Seesterne im glasklaren Wasser.

Vor einem Dreihäuserdorf begrüßen mich Kinder in Unterhosen und ein ganzer Wurf junger Katzen, die sich sofort an meinem Rucksack zu schaffen machen. Katzen sind beliebt auf den Inseln, bekämpfen sie doch wirksam Ratten. Sofort kommt die Kuna-Mutter dazu. Keiner versteht mein Spanisch, doch für einen Dollar darf ich ein Foto machen – eine generell weit verbreitete Praxis auf den San Blas Inseln.

Je weiter ich mich von dem winzigen Hafen entferne, wo die Touristenboote anlegen, desto mehr Plastik treibt auf dem Wasser, und mitten im Dschungel liegt ein ganzer Müllberg. Ein klassisches Problem der Inseln – wohin mit dem Müll? Oft wird er am Ende verbrannt.

Zum Mittag gibt es BBQ am Strand mit frischem Fisch und Obst. Eulogio steht als Erster am Buffet. „Da hinten Scheißhaus“, deutet er nach links mit Blick auf Sabine und mich. Anscheinend das einzige deutsche Wort, das er beherrscht.

Als nach dem Mittagessen die Sonne endlich richtig ihre Fühler hinter den Wolken hervorstreckt, malt sie das Wasser in den schönsten Blau- und Türkistönen aus. Und gerade jetzt ist für Linny der Abschied gekommen. Wie immer auf Reisen – ein ständiges Kommen und Gehen. Kaum hat man „Hallo“ gesagt und ist einander ein wenig vertraut geworden, ist schon wieder der Moment des Abschieds gekommen. Aber mit der Zeit habe ich sie erlernt, die Kunst, das Herz für immer neue Menschen zu öffnen, doch sie auch wieder ziehen lassen zu können. In der Gewissheit, dass ich die meisten nie wiedersehen werde.

Mein Freund, der Kuna  

Sabine habe ich es zu verdanken, dass ich fast zur Inselkönigin der Teufelsinsel werde. Weil sie viel über die Kuna und deren Sitten wissen möchte, jedoch kein Spanisch spricht. Ich bitte Daniel, uns über die Kuna zu erzählen. „Ich wusste gar nicht, dass du so gut Spanisch kannst!“ Seine Augen leuchten, und begeistert berichtet er in Kuna-Spanisch über sein Volk. „Insgesamt besitzen 23 Familien Inseln“, beginnt Daniel. „Die Hilfsarbeiter, die zum Beispiel die Strände säubern, wechseln alle paar Wochen. Nur das Küchenpersonal arbeitet immer auf einer Insel.“ Er selbst gehöre zu einer der 23 Familien. Wir möchten wissen, wie das mit den Beziehungen funktioniert. Daniel sieht mich interessiert an. Früher hätten die Großeltern die Partner für ihre Enkelkinder ausgesucht, mittlerweile könne man jedoch selbst seinen Partner wählen. Es gäbe sogar Kuna, die Ausländer heirateten, wodurch diese wiederum das Recht erhielten, auf den Inseln zu leben. Denn der Inselverkauf an Ausländer ohne Beziehung zu einem Kuna sei vom Ältestenrat streng untersagt.

„Wir haben oft sehr große Familien. Ich selbst habe neun Geschwister, und der Großteil meiner Familie wohnt auf einer der kleinen Inseln gegenüber von Carti.“ Ich denke an die mit Hütten und Müll vollgestopfte Insel, an der wir auf dem Hinweg vorbeigebraust sind. „Dort haben wir auch Ärzte. Die nutzen natürliche Heilmittel. Einer hat sogar einen Mann gerettet, dem nach einem Autounfall beide Beine amputiert werden sollten.“ Sabines Frage nach der Religion erstaunt Daniel. Eine richtige Religion hätten sie nicht. „Wir sind sehr stolz. Das Rot in unserer Flagge steht für Blut, für unseren Kampf.“ Plötzlich unterbricht uns eine ältere Frau, die wie viele Kuna-Frauen Gold in der Nase trägt. „Schaut mal!“, ruft sie und deutet gen Horizont, wo etwas auf dem Wasser treibt. Es sieht aus wie der Mast eines gesunkenen Schiffes. Daniel schnappt sich ein Fernglas, seufzt. Es ist nur ein von der Strömung herangetriebenes Astgerüst. Wieder keine Sensation auf Isla Diablo.

Von diesem Moment an ist Daniel mein bester Freund. Beim Abendessen mit Sabine, Cosi und Marius, den beiden Deutschen, bekommen wir jeder noch einen Drink spendiert – Bier, Wasser, was wir wollen. Ob ich denn schon verheiratet wäre oder einen Freund habe, will Daniel wissen. Als ich bejahe, sacken seine Mundwinkel nach unten. Bevor ich ins Bett gehe, versichert er mir, dass ich ab jetzt einen echten Kuna-Freund habe. Nun müsse er mir nur noch die Sprache beibringen. Lächelnd verkrümele ich mich in die Hütte zu meinen Kakerlaken.

Paradies mit Schönheitsfehlern

Schon nach zwei Tagen kommt es mir vor, als wäre ich seit Wochen auf der Teufelsinsel. Gerade, wenn die Sonne strahlt und das Wasser so schön blau färbt und man den Meeresboden unter den Füßen erkennt, möchte ich gar nicht mehr weg. Dann sind die San Blas ein Paradies von der Art, mit denen auf Tafeln in Reisebüros geworben wird und denen man auf Postkarten entgegenlechzt. Okay, es ist ein Paradies mit Schönheitsfehlern. Mit ein paar Viechern, mit Hütten, in die es auch mal tropft und Toilettenhäusern, über die ein Hygieneinspektor den Kopf schütteln würde. Aber ich sehe diese Schönheitsfehler wie meine eigenen seit meiner Ankunft – gar nicht mehr.

Von einigen der kommenden und gehenden Touristen höre ich, dass es nichts zu tun gebe auf den Inseln, langweilig sei. Ich habe zwei Bücher dabei und komme nur dazu, eins zu lesen. Weil ich den Rest der Zeit mit Nichtstun beschäftigt bin. Oder mit Schwimmen. Damit, eine gleichmäßige Sonnenbräune zu bekommen. Und damit, Daniel zu überzeugen, dass ich wirklich keinem Kuna-Ehemann interessiert bin. Auch nicht, wenn er nur zwei statt zehn Kindern wolle. Auch nicht, wenn er mich danach praktisch zur Inselkönigin von Isla Diablo machen würde, wo ich nach Lust und Laune Veränderungen vornehmen und sogar Spiegel aufhängen könnte. Ich bin ständig von Wasserflaschen umgeben, weil Daniel Angst hat, ich könnte verdursten. Eigentlich muss man alle Getränke außer einem pro Mahlzeit selbst bezahlen. Ich nicht mehr. Noch dazu bekomme ich auch ohne Spiegel fünf Mal täglich bestätigt, wie schön ich sei. Zum letzten Sonnenuntergang sitzt Daniel etwas zu dicht neben mir auf einer Bank. Ich solle doch bleiben, noch eine Nacht, auf seine Kosten. Ich lehne freundlich ab. Sabine ist schon weg, bleiben nur noch die beiden Deutschen und ich. Die sich langsam lustig machen über meinen „Lover“, während ich weiter als Inselübersetzerin fungiere.

Ich denke an die vielen Touristen, die jeden Tag mit einer hektischen Eintagstour von Panama Stadt auf die San Blas rüberkommen, um diese abzuhaken. Und um nicht auf den Komfort eines städtischen Hotelzimmers verzichten zu müssen. Ich hingegen gewöhne mich immer mehr an den Nicht-Komfort. Mir fehlt keine Klimaanlage, kein Zimmerklo, kein Spiegel, und erst recht nicht das Piepen und Tuten des Handys. Marius, der Deutsche, wird hingegen immer nervöser. „Ich würde hier als Erstes Internetempfang einrichten“, gesteht er am letzten Abend. Ich nicht. Wahrscheinlich hätte ich nie mit Marius gesprochen, wenn ich Wifi hätte. Weil ich damit beschäftigt wäre, beim Essen die Daheimgebliebenen über mein Wohlbefinden upzudaten oder Bilder zum Neidischmachen auf Facebook, Instagram & Co. zu posten. Schweren Herzens denke ich daran, dass ich genau das am nächsten Abend von meinem schicken Hotelzimmer in Panama Stadt aus machen werde. Um die Einsamkeit in der Menschenmasse und der von ihnen ausgehenden Anonymität zu überbrücken.

Lange habe ich etwas nicht mehr so sehr genossen wie meine vier Tage auf der Teufelsinsel. Vier Tage weg von allem. Ich muss mir eingestehen, dass ich nichts und niemanden vermisst habe. Dass ich mir selbst mit meinen Büchern und meinem kurzen neuen Sozialleben mit Wildfremden genügt habe. Ich bin dankbar für eine wichtige Lektion, die mir die Teufelsinsel erteilt hat: dass ich es noch schaffe, den Aus-Knopf zu finden und keine Eile habe, ihn wieder auf ‚An‘ zu stellen. Dass ich aber auch nicht Daniel heiraten muss, um ganz auszusteigen. Weil ich nie wirklich eingestiegen bin ins Hamsterrad, in eine 0-8-15- oder 9-5-Routine. Weil ich auch nach vier Wochen in Lateinamerika nicht zu einem Leben daheim zurückkehren werde, aus dem ich schnellstmöglich wieder raus will. Nur Daniel, der tut mir ein bisschen leid. Als Eulogio und sein Bootsjunge am nächsten Tag kommen, um mich abzuholen, schleppt er meinen Rucksack zum Boot. Umarmt mich und küsst mich auf die Wangen. „Komm bald wieder!“, beschwört er mich, den Tränen nahe. Seine Kumpels schauen perplex zu. „Hat der sich etwa in dich verknallt?“ Ich lächle nur. Ich habe bloß einen wahren Kuna-Freund gefunden. Und die Teufelsinsel in all ihrer Einfachheit in mein Herz geschlossen.

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