Genua besuchen

Wie in meinem Roman ‚Grazie, Genova – Zwei Jahre al dente‘ erwähnt, trägt Genua den Beinamen ‚La Superba‘, die Großartige. Genau das war die Stadt für mich immer – großartig – trotz, oder gerade wegen, dem verwitterten Hauch, der über den Altstadtgassen hängt. Auf den ersten Blick ist Genua nicht für jeden eine attraktive Stadt, sie ist nicht Rom, Florenz oder Venedig, die einem immer wieder Ahs und Ohs entlocken und für Besucher so schick herausgeputzt sind, dass man nicht mehr weiß, wo man zuerst hinschauen soll.

Als ich mich das erste Mal im Gewirr von Genuas unendlich erscheinenden Altstadtgassen verlaufen habe, hatte ich Panik. Es stank an mehr als nur einer Ecke, dubiose Gestalten waren unterwegs, darunter allzu leicht bekleidete Damen mit sehr viel Schminke – ich war schockiert. Dass man gerade den Bereich um die Via Pré ab Einbruch der Dunkelheit meiden sollte, wird einem schnell von jedem Genueser eingeimpft. Was genau dort nachts vorgeht, kann einem zwar keiner sagen, aber es gehen Gerüchte über Drogengeschäfte und sogar manchen Mord um. Wer sich von all dem nicht abschrecken lässt, ist dafür gewappnet, Genua wirklich kennenzulernen. Denn: Nirgends präsentiert sich die Stadt authentischer als in den winzigen Gassen. Man kann den Einheimischen beim täglichen Einkauf zusehen, alten Leuten bei lebhaften Gesprächen über Wäscheleinen hinweg zuhören, in Bars wild gestikulierende Menschen beobachten, die ihren Café – also einen Espresso – trinken und so vieles mehr.

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Es wird nicht lange dauern, dann stinkt es nicht mehr in den Gassen, sondern man nimmt den leichten Hauch von frisch gewaschener Wäsche, die sich an den Hauswänden auf endlos vielen Leinen entlangzieht, wahr. Bald läuft einem das Wasser im Mund zusammen beim Duft von frisch gebackener Focaccia, oder man kehrt in ein gemütliches Restaurant ein. Immer wider stolpert man über versteckte Plätze, auf denen Tische von Bars und Restaurants zum Verweilen einladen, und wer den Blick hebt, findet die ein oder andere Madonnenstatue an den alten Gemäuern. Ich bin jahrelang durch diese Gassen spaziert, und jeder Gang brachte neue Überraschungen mit sich – nur in Gefahr habe ich mich nie gefühlt. Und wer mal einen Blick auf das Haus werfen möchte, in dem ich damals gelebt habe und wo Genua zu meiner ersten richtigen Heimat geworden ist, dem empfehle ich, mal Vico Vegetti rauf- oder runterzulaufen und vor Nummer 13 stehenzubleiben.

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Erholen kann man sich von dem Gassenbummel immer gut am neuen Hafen, sehr schön aufbereitet mit Restaurants, Cafés und einer Bar mit Plattform direkt auf dem Wasser – Banano Tsunami. Hier habe ich so gern bei Sonnenuntergang einen Aperitivo genossen. Wer ein bisschen weiter raus möchte, sollte den Bus nach Boccadasse nehmen. Es ist ein Teil von Genua, fühlt sich aber mit seinen bunten Fischerhäuschen und dem Kieselsteinstrand an wie eine andere Welt. Innerhalb weniger Minuten ist man raus aus der Stadt und fühlt sich wie in einem Dorf am Mittelmeer. Sogar im Winter lohnt sich der Besuch an einem sonnigen Tag, denn warm ist es eigentlich immer, oder man wärmt sich halt bei einem Cappuccino in der Bar mit Seemannsdekoration auf.

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Ich habe es immer wieder geliebt, von Genua Quarto, das man leicht mit dem Zug oder Bus erreicht, am Meer entlangzulaufen. Nicht nur gibt es am dortigen Strand (namens Priaruggia) das allerbeste Eis (in der Eisdiele direkt an der Straße, über dem Strand), sondern es führt auch ein langer Weg entlang des Meeres bis zum traumhaft schönen Nervi, dem letzten Stadtteil Genuas in dieser Richtung. Nervi ist noch immer das erste, an das ich bei Genua denke. Mit seiner verkehrsfreien, von den Felsen geschützten Promenade , vielen Cafés und ein paar Restaurants und seinem kleinen Strand am Ende, ist Nervi nur eins: ein Traum. An manchen Tagen schillert das Meer unter den hohen Klippen türkis-blau, im Sommer lädt es zum Baden ein, und im Hintergrund türmt sich die Halbinsel von Portofino auf. Noch immer höre ich, wie die Wellen gegen die Felsen klatschen, während ich auf einem abgelegenen Kliff eine mitgebrachte Focaccia esse oder ein leckeres Wassereis von der Bar in der Mitte der Promenade. Und nicht nur das: Ich garantiere euch, dass Nervis Bahnhof euch nicht einmal Flüche entlocken wird, wenn Trenitalia mal wieder eine halbe Stunde Verspätung ankündigt. Nervi hat den für mich schönsten Bahnhof der Welt, dessen Bahnsteige genau über dem Meer hängen, Weitblick inklusive.

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In diesem Sinne: Viel Spaß bei eurer Reise nach Genua, ich beneide euch.

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Lieder

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Rezepte

Und diese leckeren Nudelgerichte bzw. Focaccia standen mehr als einmal auf Ruths bzw. Sonjas Speisekarte